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Ursachen, Gegenmaßnahmen und Handlungsmöglichkeiten eines Energieversorgers

„Armut hat viele Gesichter. Energiearmut ist wohl eines davon: Die alleinerziehende Mutter, die nicht weiß, wie sie die Reparatur der kaputten Therme bezahlen soll, oder die Familie, die die Heizkosten nicht aufbringen kann. Energiearmut ist eines der Hauptprobleme der Menschen, die sich hilfesuchend an die Caritas Sozialberatungsstellen wenden“, sagt Monsignore DDr. Michael Landau, Präsident der Caritas Österreich. Doch verantwortungsvolle Energieversorger können hier Unterstützung geben. Ein best practice-Beispiel ist die Wien Energie Ombudsstelle für soziale Härtefälle.

Über 100.000 Betroffene in Wien

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Energiearmut ist ein großes Problem – weltweit. Über eine Milliarde Menschen – die allermeisten davon leben in Afrika, Indien und weiteren sich entwickelnden Regionen Asiens – haben überhaupt keinen Zugang zu einer regelmäßigen Stromversorgung. Doch auch in den entwickelten Ländern gibt es viele Menschen, die keinen Zugang zu Strom haben oder sich eine Versorgung mit Strom und Wärme finanziell nicht leisten können. Laut EU-Definition bedeutet „Energiearmut … die Schwierigkeit oder Unmöglichkeit, seine Wohnstätte angemessen und zu einem korrekten Preis zu heizen sowie über weitere grundlegende Energiedienstleistungen wie Beleuchtung, Verkehr oder Strom für Internet und sonstige Geräte zu einem angemessenen Preis zu verfügen“. Auch in Österreich leben viele Betroffene: So konnten 2010 rund 313.000 Menschen in Österreich, davon 105.000 Menschen in Wien, ihre Wohnung nicht angemessen warm halten.

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Ursachen von Energiearmut

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Die wesentliche Ursache für Energiearmut ist Armut. Und die ist groß, auch im wohlhabenden Österreich: Im Jahr 2010 waren rund eine Million Menschen mit einem Einkommen unterhalb der Armutsschwelle statistisch erfasst. Mehr als die Hälfte (511.000 Menschen = 6,2 % der Bevölkerung) lebt in manifester Armut, davon 185.000 Menschen allein in Wien (11 % der Bevölkerung).

Nach Erkenntnissen der Caritas und der Wien Energie leben armutsbetroffene Haushalte „mehrheitlich in unsanierten, ungedichteten, wenig energieeffizienten Gebäuden mit häufig schlecht dichtenden Türen und Fenstern, was zu weit überdurchschnittlichen Heizkosten führt. Ein hoher Anteil lebt im Erdgeschoss, was aufgrund geringerer Sonneneinstrahlung und erhöhtem Heizbedarf (weil über dem Keller gelegen) zu einem höheren Energieverbrauch führt. Armutsbetroffene Haushalte müssen sich sehr häufig mit veralteten, oft defekten Haushaltsgeräten begnügen, was zu hohem Stromverbrauch führt, obwohl Geräte wie Geschirrspüler oder Wäschetrockner unterdurchschnittlich häufig vorhanden sind. … Gravierend wirkt sich auch aus, wenn die Heizung kaputt ist, die Reparatur nicht leistbar ist und auf eine Beheizung mit Strom umgestellt wird. Strom zum Heizen und zur Warmwasseraufbereitung kommt in armutsbetroffenen Haushalten überdurchschnittlich häufig vor.“

Dies zeigt: Aufgrund struktureller Bedingungen, die außerhalb der Beeinflussbarkeit durch die Haushalte selbst liegen, haben arme Haushalte oftmals einen höheren Energieverbrauch als nicht arme, und sie müssen absolut gesehen mehr Geld für Energie ausgeben als diese. Zudem leiden sie unter dem Anstieg der Energiepreise besonders, weil staatliche Transferzahlungen nicht oder erst später angepasst werden.

Armut allein führt in Österreich aber nicht automatisch auch zu Energiearmut. Menschen in Armut oder Menschen, die armutsgefährdet sind, kommen mit den ihnen zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln, oft auch mit bedarfsorientierter Mindestsicherung, meist nur knapp über die Runden. Sobald jedoch etwas schief geht, werden Miete und Energiekosten zu einem gravierenden Problem, und es kommt dann häufig auch zu Energiearmut. Auslöser für akute Energiearmut sind

  • persönliche Krisen oder Krisen im Lebensumfeld,
  • andere Gründe, die jemanden in Geldnöte gebracht haben,
  • Anstieg der Energiepreise.

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Gegenmaßnahmen

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Armut bekämpft man am besten durch Bildung, Qualifizierung, auskömmliches Erwerbseinkommen, arbeitszeitverträgliche Kinderbetreuungsangebote und anderes mehr. Andere Ursachen von akuter Energiearmut wie persönliche Krisen oder Geldnöte können nur auf individueller Ebene angegangen werden.

Auch wenn die Hauptursache von Energiearmut die Armut ist, sind dennoch auch Energieversorger in der Verantwortung. Aufgrund der Novellierung des ElWOG (Elektrizitätswirtschafts- und  organisatisonsgesetz) 2010 und des GWG (Gaswirtschaftsgesetz) 2011 dürfen Versorger bei Nichtzahlung nicht mehr so schnell abschalten, sondern müssen erst zweimal mahnen (mit jeweils mindestens zwei Wochen Nachfrist). Auch gibt es nun eine Obergrenze für Gebühren für Mahnungen, Abschaltungen und Wiederanschluss nach Abschaltungen. Aber damit werden die Ursachen für die akute prekäre Lebenssituation nicht angegangen.

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Die Wien Energie Ombudsstelle für soziale Härtefälle

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Die Erfahrungen der Vergangenheit, unter anderem mit Energieberatung, haben eines gezeigt: Armut und speziell Energiearmut kann man nicht einfach wegberaten. Energiearmut tritt meist auf bei Menschen in schwierigen Lebenssituationen, die mit mehr als einer Problemstellung konfrontiert sind. Akute prekäre Lebensumstände drängen die Energiethemen meist in den Hintergrund. Hier ist eine gesamtheitliche Betrachtung erforderlich.

Vor diesem Hintergrund und als Reaktion auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung (Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise…) wurde 2011 die „Wien Energie Ombudsstelle für soziale Härtefälle“ eingerichtet. Zentrale Aufgabe dieser Ombudsstelle ist die Betreuung von KundInnen, die sich in sozialen Härtefallsituationen befinden und zugleich von Energiearmut betroffen sind. Dabei arbeitet die Ombudsstelle mit allen sozialen Einrichtungen wie zum Beispiel der Caritas zusammen. Ziel ist, dass Menschen in besonders schwierigen Lebenssituationen wieder regelmäßig Zugang zu einer Versorgung mit Strom und Wärme haben und auch wieder ihre Rechnungen regelmäßig bezahlen können. Dazu wurde ein systematischer Betreuungsablauf entwickelt. Die KundInnen werden nicht nur durch Stundungen oder Ratenzahlungen unterstützt, sondern es werden auch mögliche finanzielle oder materielle Hilfen von anderen Stellen koordiniert. Dabei muss immer die Gesamtsituation des Kunden oder der Kundin mit betrachtet werden, ein Fokus nur auf die Energierechnung hilft bei Härtefällen meist nicht weiter. Seit Beginn der Arbeiten wurden bereits über 5.000 soziale Härtefälle von der Ombudsstelle  betreut.

Die Ombudsstelle sollte Schule machen, findet etwa die Caritas Wien. So hofft die Caritas Wien, dass „diese Herangehensweise auch für andere Energieversorgungsunternehmen Vorbildwirkung haben wird“.

Möglicherweise war die Wien Energie Ombudsstelle auch das Vorbild für die im „Energieeffizienzpaket des Bundes“ enthaltene Verpflichtung für alle größeren Energieversorgungsunternehmen eine Anlaufstelle für Energieeffizienz und Energiearmut einzurichten.

Von 2011 bis 2014 haben Wien Energie und „die umweltberatung“ Wien das Projekt NEVK (Nachhaltige Energieversorgung für einkommensschwache Haushalte durch Energieberatung und Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz und Energiesparen auf Basis von Vernetzung und Kooperation) durchgeführt. Dessen Ziel war es, Menschen bzw. Familien, die zu sozialen Härtefällen bzw. armutsgefährdeten Haushalten zählen, und die in einer gemeinsamen Betreuung öffentlicher und/oder privater sozialer Einrichtungen wie etwa MA 40, MA 11, Caritas und Wien Energie stehen, in Energiefragen zu unterstützen und gezielt ihre Lebenssituation zu verbessern.

Die Struktur des Projekts ist 2014 in das „Team Wiener Energieunterstützung“ bei der Abteilung Soziales, Sozial- und Gesundheitsrecht (MA 40) der Stadt Wien übergegangen. Wien Energie bleibt dabei ein wesentlicher Partner für den Sozialbereich der Stadt. Die Wien Energie Ombudsstelle wurde dazu personell  vergrößert, um auf die erwartete höhere Anzahl an Fallarbeit in Zusammenarbeit mit der Stadt gerüstet zu sein.

Kontakt: Wiener Energieunterstützung: MA 40-Servicetelefon 4000-8040

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